Der lückenlos bedeckte Himmel hüllte die Stadt in undurchdringliche Schwärze, einzig unregelmäßige Blitze erhellten reflexartig die Szenerie: nass glänzende Fenster und Häuserfassaden, Sturzbäche, die aus Dachrinnen fielen, kleine Deltas, die sich zu Flüssen in Spurrinnen vereinten.
Am Horizont zeigte sich ein schwaches blaues Glimmen. Das Gewitter zog davon. Kasper musste sich sputen.
Nur einen Moment noch.
Tief sog er die kühle Luft durch die Nase ein. Es war dieser frische, charakteristische Regengeruch. Es roch neu. Nach Regen auf Stein. Und fast – aber nur fast – überdeckte dieser Duft den beißenden Gestank der Verwesung, der zu diesen Zeiten wie dichter Nebel durch jede Stadt kroch.
Kasper stand vom Rand des Daches auf, über den er die Beine hatte baumeln lassen und genoss das Anbranden einer stürmisch-nassen Bö. Er überquerte das Dach und steurte auf die Tür zu, die ins Treppenhaus führte. Die Kiesel unter seinen Füßen knirschten.
Vor ihm zeigten sich die Stufen nur als dunkle Striche in noch dunklerem Raum. Kasper schloss die Tür hinter sich und sperrte den Herbstregen aus. Er schaltete seine Taschenlampe ein, bedeckte sie aber sofort mit dem Handteller. Licht im Dunkeln zog sie an wie die Motten.
Das Treppenhaus hatte er schon lange leer geräumt, doch die Verglasung rund um ihn herum bot eine wunderbare Sicht auf jemanden, der dort unvorsichtig leuchtend herumstapfte. Kasper war nicht nach einer Überraschung, die am Ende des Aufgangs auf ihn wartete.
Er bewegte sich hinunter, zum dritten Stock. Dort auf dem Absatz saß jemand an der Wand. Den Kopf auf der Brust, als würde er schlafen. Er hatte ein Schild an seinem Hemd auf dem Hank stand und ein Loch in der Stirn. Ein feiner Blutfaden war über seine Nase gelaufen und von dort auf seine Kleidung getropft.
“Hi, Hank.”, sagte Kasper. “Hatten wir heute schon Besuch?”
Hank antwortete nicht.
Du bist ein unfreundlicher Untoter, Hank.
Kasper trat durch die Tür neben Hank, schloss sie hinter sich und nahm die Hand von der Taschenlampe. Er stand in einem Flur, gesäumt von Wohnungstüren. Hier gab es keine Fenster, die seinen Aufenthaltsort verraten konnten.
Draußen grollte ein Donner.
Der Korridor war leichenfrei – Kasper mochte nicht ständig über irgendwelche Leichen steigen, um zu seiner Wohnung zu gelangen -, Hank hatte er jedoch als kleinen, witzigen Torwächter im Treppenhaus sitzen lassen. Er schloss die Tür mit der goldenen Beschriftung 3-7 auf.
Er hatte diese drei Zimmer (Bad, Schlafbereich und Wohnzimmer mit Küche) als sein vorrübergehendes Domizil erwählt, da es das einzige Zimmer war, in dem niemand sein Leben gelassen hatte. Außerdem lag es nur zwei Türen von Hanks Tor – und damit dem Fluchtweg – entfernt. Drastische Gegebenheiten wie eine Flucht zog Kasper eigentlich wenig in Betracht, aber der kluge Mann sorgt vor.
Für so einen hielt er sich nämlich. Es war keine kindische Selbstüberschatzung, sondern eine realistische Darstellung. Kasper beobachtete, plante, sorgte vor und war konsequent in seinen Vorhaben. Er war logisch und geradlinig. Er war aber auch romantisch und leidenschaftlich.
Eigentlich hätte Kasper sein Vorhaben beginnen können, als er auf dem Dach gestanden hatte. Aber er wollte, dass alles perfekt wurde.
Noch einmal – das dritte Mal an diesem Abend – zog er das sanft geschwungene Messer mit dem Holzgriff aus der Brusttasche seiner Kommandoweste und ließ es geschmeidig über den Wetzstein gleiten. Nervös vor Erregung strich er mit dem Daumen über die Schneide. Sie war scharf. Unendlich scharf.
Er nahm seine Pistole, prüfte Magazin und Lauf. Er schraubte den Schalldämpfer ab und setzte ihn wieder auf.
Er zog die Riemen seiner Weste fest. Er schnürte seine Schuhe ein weiteres mal.
Draußen krachte ein Blitz, nur langsam gefolgt vom Grummeln des Donners.
Würde er sich jetzt nicht auf den Weg machen, hätte er die schöne Szenerie des Gewitters verspielt.
Kasper eilte durch den Flur, kickte die Tür neben Hank auf, sagte im Vorrübergehen “Schön die Stellung halten, Hank” und nahm immer zwei Stufen auf einmal bis er das Dach erreicht hatte.
Er reckte seinen Körper gegen Wind und Regen, als das Gewitter ihm eine harte Rechte entgegenschleuderte. Er genoss die Kälte.
Ein weiteres, kurzes Zögern: der Blick gen Horizont (der helle Streifen wurde größer), das Spähen über die Dachkante. Die Straße lag fünf Stockwerke unter ihm. Fünf kurz zu fallende Stockwerke die in einem zerschmetterten Körper enden könnten.
Aber du kannst es. Du weißt, dass du es kannst.
Er hatte es schon getan. Er hatte es schon oft getan.
Dann tu es einfach! Wieso zögerst du?
Kasper nahm wieder Abstand vom Rand. Er fing an zu laufen, gewann an Geschwindigkeit, setzte den linken Fuß kraftvoll auf den kleinen Sims vor dem Abgrund und stieß sich ab. Er flog darüber hinweg, unter ihm glänzte Nass die Straße. Gekonnt landete Kasper mit einer Rolle auf dem anderen Dach.
Er hastete zum anderen Ende und stieg auf die rostige Feuerleiter. Der Regen verschluckte das Scheppern, als Kasper hinunterkletterte. Zwei Stockwerke stieg er herunter, dann bleib er vor einem Fenster stehen. Der Regen ging auf ihn nieder. Er blies sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht.
Geduldig wartete er erst auf das Zucken eines Blitzes, beim darauffolgenden Donner zerstörte er das Glas mit dem Ellbogen. Kasper stieg hinein. Hier schaltete er ungeachtet irgendwem seine Taschenlampe an, ohne sie zu verhüllen. Hier war es ihm egal, ob ihn die Monster, die unten durch die Straße trotteten, entdeckten.
Kasper zog seine Pistole und öffnete die Tür auf den Flur einen Spalt breit. Er lauschte. Kein Stöhnen, keine unkoordinierten Schritte. Es schien sicher. Mit einem schnellen Schritt war er im Korridor, leuchtete nach links, nach rechts. Sicher.
Wie auch Kasper musste sie sich gut eingerichtet haben.
Er ließ die Pistole wieder ein sein Schulterhalfter gleiten und zog sein Messer. Die Schneide glänzte Matt im Schein der Lampe. Er führte sie zum Mund. Genüsslich ließ er sie über seine Zunge gleiten. Zuerst schmeckte er Stahl, einen Hauch Desinfektionsmittel. Dann: Blut.
Köstlich. Erfrischend.
Erregt vom Geschmack seines eigenen Blutes und dem was ihm bevorstand schlich er auf unsicheren Füßen den Gang hinunter.
Ein Geruch stieg ihm in die Nase. Nicht mehr als eine schwache Note unter all den anderen Gerüchen – Blut, Verwesung, Pisse, Regen -, aber dennoch erkennbar. Der Geruch einer Frau lag sanft im Raum. Er atmete heftig durch die Nase.
Wundervoll. Belebend.
Kapser streichelte die Tür, hinter der sie warscheinlich in einem unruhigen Schlaf lag, als er vor ihr stand. Sanft strich er mit einem Finger die grobe Maserung des Holzes nach. Dann legte er ein Ohr an die Tür, hielt den Atem an und horchte. Oh ja, er konnte sie hören. Gleichmäßiges Atmen. Schlaf. Er küsste das Holz. Ein feuchtes, schmatzendes Geräusch, viel zu laut, durchdrang die Stille des Flurs.
Er wusste nicht warum, aber er prüfte den Knauf der Tür. Verschlossen. Wer hätte das Gedacht.
Draußen grollte ein Donner.
Kasper lehnte seinen Oberkörper zurück, holte tief Luft und mit einem Tritt aus dem die ganze Kraft seines Körpers sprach trat er die Tür nach innen. Noch bevor sie wusste, wie ihr geschah – noch bevor sie ihre Waffe ziehen konnte -, hatte Kapser sie erspäht und kniete eine Sekunde später auf ihr, sodass sie sich nicht mehr rühren konnte. Ein geschickter, hefiger Schlag mit dem Griff seines Messer auf ihren Kopf ließ sie ohnmächtig werden.
Dort lag sie nun, mit Kabelbindern an einen Heizkörper gefesselt, die Frau, die Kasper fast eine Woche lang intensiv beobachtet hatte. Er kannte ihre Gewohnheiten, hatte sie studiert. Letztendlich – obwohl es ohnehin unausweichlich gewesen war -, hatte er sie in der Falle. Hiflos und ohne Bewusstsein.
Die Tür wieder zu verschließen, irgendwie zumindest, hatte sich als recht unmöglich erwiesen. Kasper hatte das ganze Schloss zerstört und den Stuhl, den sie dahinter geklemmt hatte. Also hatte er die Tür einfach in die Angel gelehnt und eine Kiste mit Getränkeflaschen davor gestellt.
Infizierte schlurften hier nicht durch die Etage, dennoch hatte er sich mit einer offenen Tür im Rücken irgendwie nackt gefühlt.
Unsicher.
Kapser zog seine Handschuhe aus und steckte sie in die hintere Hosentasche. Behutsam fuhr er mit den Finger ihre Züge nach. Ränder unter den Augen, aufgesprungene Lippen, Dreck. Es hatte alles seine Spuren hinterlassen. Liebevoll strich er ihr die verfilzten Strähnen aus dem Gesicht.
Plötzlich färbte ein heftiger Schlag mit der flachen Hand ihre Wange rot. Sie erwachte.
Unvermittelt fing sie an sich zu bewegen, zu zerren. Sie wollte schreien, aber Kasper war schnell und hinderte sie mit einem Klebestreifen auf den Lippen daran. Er hatte keine Lust, sich ihr sinnloses Geplapper anzuhören.
Kasper setzte sich in einigem Abstand vor sie hin und wartete, bis sie begriff, dass ihre Versuche des Aufbegehrens sinnlos waren. Dieses Prozedere dauerte so lange bis sie sich die Haut an den Handgelenken mit den Kabelbindern wund gescheuert hatte und ein kleines Rinnsal aus Blut ihre Arme herunter lief.
Ein weiteres Mal ließ Kasper die Klinge seines Messers über seine Zunge gleiten. Der wunderbare Geschmack von Blut erfüllte seinen Mund. Sie bekam große Augen, zerrte wieder an ihren Fesseln, gab es auf. Tränen rollten ihre geschundenen Wangen herab.
Einzigartig.
Kasper war ihr nun zu nahe um ihren Geruch zu ignorieren. Gierig sog er ihn auf. Süßer Schweiß, stechendes Geschlecht, sinnliche Frau, herzhaftes Blut, erdiger Schmutz.
Einzigartig.
Mit einem Schritt hatte er sich neben sie bewegt und setzte sich hin. Er beugte sich vornüber, als wolle er sie küssen, sie drehte sich weg. An den Haaren zog er ihr den Kopf in den Nacken und setzte sein Messer unter ihrem linken Ohr an.
Ein Schluchzen, ein Wimmern, eine weitere Träne die hinunter rollte. Ein entschlossener Schnitt.
Kasper führte die Klinge unter dem Kinn vom linken zum rechten Ohr. Aus ihrer Kehle sprudelte Blut, sie röchelte hilflos. Feuchte Wärme tränkten seine Hände, färbten sie rot.
Verzweifelt versuchte sie zu atmen, kämpfte mit den Strängen, die ihre Hände fesselten, strampelte mit ihren Beinen. Feiner Blutnebel erhob sich um ihren Hals bei jedem Ansatz zu Atmen.
Zwecklos. Reizend.
Nicht lange und der Kampf war verloren. Ihr Kopf sackte auf die Brust, Arme und Beine wurden schlaff. In Kaspers Hose stellte sich erregte Härte ein. Er küsste sie auf die Stirn, schmeckte Salz und Schmutz und ließ von ihr ab.
Kasper spülte Hände und Messer mit einer Flasche Wasser ab. Die Kälte der Flüssigkeit stand im krassen Kontrast zum warmen Blut. Er streifte Messer am Ärmel ab und steckte es wieder weg.
Dann stellte Kasper sich mit leicht gespreizten Beinen vor sein Opfer und begann zu onanieren.
Draußen grollte ein Donner.