Sonntag, 23. November 2008

Das Schreiben - Ich habe mir überlegt...

...extra etwas für euch, liebe Leser und nicht Leser, zu schreiben. Also bekommt ihr eine kleine Fortsetzungsgeschichte. Ich wünsche euch viel Spaß beim ersten Kapitel mit dem Namen Kasper - Absolute Entfaltung: Herbst. Ich wünsche euch viel Spaß, weitere werden alsbald folgen.

Die Geräusche des Gewitters löschten alles andere um Kasper herum aus: plätschernder Regen, krachende Blitze, grollender Donner.
Der lückenlos bedeckte Himmel hüllte die Stadt in undurchdringliche Schwärze, einzig unregelmäßige Blitze erhellten reflexartig die Szenerie: nass glänzende Fenster und Häuserfassaden, Sturzbäche, die aus Dachrinnen fielen, kleine Deltas, die sich zu Flüssen in Spurrinnen vereinten.
Am Horizont zeigte sich ein schwaches blaues Glimmen. Das Gewitter zog davon. Kasper musste sich sputen.
Nur einen Moment noch.
Tief sog er die kühle Luft durch die Nase ein. Es war dieser frische, charakteristische Regengeruch. Es roch neu. Nach Regen auf Stein. Und fast – aber nur fast – überdeckte dieser Duft den beißenden Gestank der Verwesung, der zu diesen Zeiten wie dichter Nebel durch jede Stadt kroch.
Kasper stand vom Rand des Daches auf, über den er die Beine hatte baumeln lassen und genoss das Anbranden einer stürmisch-nassen Bö. Er überquerte das Dach und steurte auf die Tür zu, die ins Treppenhaus führte. Die Kiesel unter seinen Füßen knirschten.
Vor ihm zeigten sich die Stufen nur als dunkle Striche in noch dunklerem Raum. Kasper schloss die Tür hinter sich und sperrte den Herbstregen aus. Er schaltete seine Taschenlampe ein, bedeckte sie aber sofort mit dem Handteller. Licht im Dunkeln zog sie an wie die Motten.
Das Treppenhaus hatte er schon lange leer geräumt, doch die Verglasung rund um ihn herum bot eine wunderbare Sicht auf jemanden, der dort unvorsichtig leuchtend herumstapfte. Kasper war nicht nach einer Überraschung, die am Ende des Aufgangs auf ihn wartete.
Er bewegte sich hinunter, zum dritten Stock. Dort auf dem Absatz saß jemand an der Wand. Den Kopf auf der Brust, als würde er schlafen. Er hatte ein Schild an seinem Hemd auf dem Hank stand und ein Loch in der Stirn. Ein feiner Blutfaden war über seine Nase gelaufen und von dort auf seine Kleidung getropft.
“Hi, Hank.”, sagte Kasper. “Hatten wir heute schon Besuch?”
Hank antwortete nicht.
Du bist ein unfreundlicher Untoter, Hank.
Kasper trat durch die Tür neben Hank, schloss sie hinter sich und nahm die Hand von der Taschenlampe. Er stand in einem Flur, gesäumt von Wohnungstüren. Hier gab es keine Fenster, die seinen Aufenthaltsort verraten konnten.
Draußen grollte ein Donner.
Der Korridor war leichenfrei – Kasper mochte nicht ständig über irgendwelche Leichen steigen, um zu seiner Wohnung zu gelangen -, Hank hatte er jedoch als kleinen, witzigen Torwächter im Treppenhaus sitzen lassen. Er schloss die Tür mit der goldenen Beschriftung 3-7 auf.
Er hatte diese drei Zimmer (Bad, Schlafbereich und Wohnzimmer mit Küche) als sein vorrübergehendes Domizil erwählt, da es das einzige Zimmer war, in dem niemand sein Leben gelassen hatte. Außerdem lag es nur zwei Türen von Hanks Tor – und damit dem Fluchtweg – entfernt. Drastische Gegebenheiten wie eine Flucht zog Kasper eigentlich wenig in Betracht, aber der kluge Mann sorgt vor.
Für so einen hielt er sich nämlich. Es war keine kindische Selbstüberschatzung, sondern eine realistische Darstellung. Kasper beobachtete, plante, sorgte vor und war konsequent in seinen Vorhaben. Er war logisch und geradlinig. Er war aber auch romantisch und leidenschaftlich.
Eigentlich hätte Kasper sein Vorhaben beginnen können, als er auf dem Dach gestanden hatte. Aber er wollte, dass alles perfekt wurde.
Noch einmal – das dritte Mal an diesem Abend – zog er das sanft geschwungene Messer mit dem Holzgriff aus der Brusttasche seiner Kommandoweste und ließ es geschmeidig über den Wetzstein gleiten. Nervös vor Erregung strich er mit dem Daumen über die Schneide. Sie war scharf. Unendlich scharf.
Er nahm seine Pistole, prüfte Magazin und Lauf. Er schraubte den Schalldämpfer ab und setzte ihn wieder auf.
Er zog die Riemen seiner Weste fest. Er schnürte seine Schuhe ein weiteres mal.
Draußen krachte ein Blitz, nur langsam gefolgt vom Grummeln des Donners.
Würde er sich jetzt nicht auf den Weg machen, hätte er die schöne Szenerie des Gewitters verspielt.

Kasper eilte durch den Flur, kickte die Tür neben Hank auf, sagte im Vorrübergehen “Schön die Stellung halten, Hank” und nahm immer zwei Stufen auf einmal bis er das Dach erreicht hatte.
Er reckte seinen Körper gegen Wind und Regen, als das Gewitter ihm eine harte Rechte entgegenschleuderte. Er genoss die Kälte.
Ein weiteres, kurzes Zögern: der Blick gen Horizont (der helle Streifen wurde größer), das Spähen über die Dachkante. Die Straße lag fünf Stockwerke unter ihm. Fünf kurz zu fallende Stockwerke die in einem zerschmetterten Körper enden könnten.
Aber du kannst es. Du weißt, dass du es kannst.
Er hatte es schon getan. Er hatte es schon oft getan.
Dann tu es einfach! Wieso zögerst du?
Kasper nahm wieder Abstand vom Rand. Er fing an zu laufen, gewann an Geschwindigkeit, setzte den linken Fuß kraftvoll auf den kleinen Sims vor dem Abgrund und stieß sich ab. Er flog darüber hinweg, unter ihm glänzte Nass die Straße. Gekonnt landete Kasper mit einer Rolle auf dem anderen Dach.
Er hastete zum anderen Ende und stieg auf die rostige Feuerleiter. Der Regen verschluckte das Scheppern, als Kasper hinunterkletterte. Zwei Stockwerke stieg er herunter, dann bleib er vor einem Fenster stehen. Der Regen ging auf ihn nieder. Er blies sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht.
Geduldig wartete er erst auf das Zucken eines Blitzes, beim darauffolgenden Donner zerstörte er das Glas mit dem Ellbogen. Kasper stieg hinein. Hier schaltete er ungeachtet irgendwem seine Taschenlampe an, ohne sie zu verhüllen. Hier war es ihm egal, ob ihn die Monster, die unten durch die Straße trotteten, entdeckten.
Kasper zog seine Pistole und öffnete die Tür auf den Flur einen Spalt breit. Er lauschte. Kein Stöhnen, keine unkoordinierten Schritte. Es schien sicher. Mit einem schnellen Schritt war er im Korridor, leuchtete nach links, nach rechts. Sicher.
Wie auch Kasper musste sie sich gut eingerichtet haben.
Er ließ die Pistole wieder ein sein Schulterhalfter gleiten und zog sein Messer. Die Schneide glänzte Matt im Schein der Lampe. Er führte sie zum Mund. Genüsslich ließ er sie über seine Zunge gleiten. Zuerst schmeckte er Stahl, einen Hauch Desinfektionsmittel. Dann: Blut.
Köstlich. Erfrischend.
Erregt vom Geschmack seines eigenen Blutes und dem was ihm bevorstand schlich er auf unsicheren Füßen den Gang hinunter.
Ein Geruch stieg ihm in die Nase. Nicht mehr als eine schwache Note unter all den anderen Gerüchen – Blut, Verwesung, Pisse, Regen -, aber dennoch erkennbar. Der Geruch einer Frau lag sanft im Raum. Er atmete heftig durch die Nase.
Wundervoll. Belebend.
Kapser streichelte die Tür, hinter der sie warscheinlich in einem unruhigen Schlaf lag, als er vor ihr stand. Sanft strich er mit einem Finger die grobe Maserung des Holzes nach. Dann legte er ein Ohr an die Tür, hielt den Atem an und horchte. Oh ja, er konnte sie hören. Gleichmäßiges Atmen. Schlaf. Er küsste das Holz. Ein feuchtes, schmatzendes Geräusch, viel zu laut, durchdrang die Stille des Flurs.
Er wusste nicht warum, aber er prüfte den Knauf der Tür. Verschlossen. Wer hätte das Gedacht.
Draußen grollte ein Donner.
Kasper lehnte seinen Oberkörper zurück, holte tief Luft und mit einem Tritt aus dem die ganze Kraft seines Körpers sprach trat er die Tür nach innen. Noch bevor sie wusste, wie ihr geschah – noch bevor sie ihre Waffe ziehen konnte -, hatte Kapser sie erspäht und kniete eine Sekunde später auf ihr, sodass sie sich nicht mehr rühren konnte. Ein geschickter, hefiger Schlag mit dem Griff seines Messer auf ihren Kopf ließ sie ohnmächtig werden.

Dort lag sie nun, mit Kabelbindern an einen Heizkörper gefesselt, die Frau, die Kasper fast eine Woche lang intensiv beobachtet hatte. Er kannte ihre Gewohnheiten, hatte sie studiert. Letztendlich – obwohl es ohnehin unausweichlich gewesen war -, hatte er sie in der Falle. Hiflos und ohne Bewusstsein.
Die Tür wieder zu verschließen, irgendwie zumindest, hatte sich als recht unmöglich erwiesen. Kasper hatte das ganze Schloss zerstört und den Stuhl, den sie dahinter geklemmt hatte. Also hatte er die Tür einfach in die Angel gelehnt und eine Kiste mit Getränkeflaschen davor gestellt.
Infizierte schlurften hier nicht durch die Etage, dennoch hatte er sich mit einer offenen Tür im Rücken irgendwie nackt gefühlt.
Unsicher.
Kapser zog seine Handschuhe aus und steckte sie in die hintere Hosentasche. Behutsam fuhr er mit den Finger ihre Züge nach. Ränder unter den Augen, aufgesprungene Lippen, Dreck. Es hatte alles seine Spuren hinterlassen. Liebevoll strich er ihr die verfilzten Strähnen aus dem Gesicht.
Plötzlich färbte ein heftiger Schlag mit der flachen Hand ihre Wange rot. Sie erwachte.
Unvermittelt fing sie an sich zu bewegen, zu zerren. Sie wollte schreien, aber Kasper war schnell und hinderte sie mit einem Klebestreifen auf den Lippen daran. Er hatte keine Lust, sich ihr sinnloses Geplapper anzuhören.
Kasper setzte sich in einigem Abstand vor sie hin und wartete, bis sie begriff, dass ihre Versuche des Aufbegehrens sinnlos waren. Dieses Prozedere dauerte so lange bis sie sich die Haut an den Handgelenken mit den Kabelbindern wund gescheuert hatte und ein kleines Rinnsal aus Blut ihre Arme herunter lief.
Ein weiteres Mal ließ Kasper die Klinge seines Messers über seine Zunge gleiten. Der wunderbare Geschmack von Blut erfüllte seinen Mund. Sie bekam große Augen, zerrte wieder an ihren Fesseln, gab es auf. Tränen rollten ihre geschundenen Wangen herab.
Einzigartig.
Kasper war ihr nun zu nahe um ihren Geruch zu ignorieren. Gierig sog er ihn auf. Süßer Schweiß, stechendes Geschlecht, sinnliche Frau, herzhaftes Blut, erdiger Schmutz.
Einzigartig.
Mit einem Schritt hatte er sich neben sie bewegt und setzte sich hin. Er beugte sich vornüber, als wolle er sie küssen, sie drehte sich weg. An den Haaren zog er ihr den Kopf in den Nacken und setzte sein Messer unter ihrem linken Ohr an.
Ein Schluchzen, ein Wimmern, eine weitere Träne die hinunter rollte. Ein entschlossener Schnitt.
Kasper führte die Klinge unter dem Kinn vom linken zum rechten Ohr. Aus ihrer Kehle sprudelte Blut, sie röchelte hilflos. Feuchte Wärme tränkten seine Hände, färbten sie rot.
Verzweifelt versuchte sie zu atmen, kämpfte mit den Strängen, die ihre Hände fesselten, strampelte mit ihren Beinen. Feiner Blutnebel erhob sich um ihren Hals bei jedem Ansatz zu Atmen.
Zwecklos. Reizend.
Nicht lange und der Kampf war verloren. Ihr Kopf sackte auf die Brust, Arme und Beine wurden schlaff. In Kaspers Hose stellte sich erregte Härte ein. Er küsste sie auf die Stirn, schmeckte Salz und Schmutz und ließ von ihr ab.
Kasper spülte Hände und Messer mit einer Flasche Wasser ab. Die Kälte der Flüssigkeit stand im krassen Kontrast zum warmen Blut. Er streifte Messer am Ärmel ab und steckte es wieder weg.
Dann stellte Kasper sich mit leicht gespreizten Beinen vor sein Opfer und begann zu onanieren.
Draußen grollte ein Donner.

Sonntag, 16. November 2008

Das Schreiben - Wenn...

...die Welt erstarrt.

Fünftausend Lichtjahre von der Erde entfernt wabert der blaue Nebel eines sterbenden Sterns durch das schwarze Nichts des Universums. Mit sechshunderttausend Kilometern in der Stunde stößt der innere Kern des Sterns den Nebel ab. Diese enorme Expansion ist der Grund für eine unglaubliche Kälte innheralb des Nebels: minus 272 Grad Celsius, der kälteste Ort im Universum, nur ein Grad über dem totalen Nullpunkt.
Die Erde, zwei Pole. Der Südpol, die Antarktis. Unterteilt in Ost und West, getrennt durch das Transantarktische Gebirge. Weiße, absolute Eintönigkeit. Der tiefste Temperaturwert der Erde wurde hier in der Vostok-Station gemessen: minus 89,4 Grad Celsius.
Wenn jedoch, entgegen der globalen Erderwärung, eine zweite Eiszeit über unsere Welt hereinbricht, dann nicht, weil jener Nebel die Erde umhüllt, oder sich die eisigen Temperaturen des Südpols den Planeten einverleiben.
Wenn die Welt erstarrt, unter einem Teppich aus Eis begraben wird, dann sinkt die gefühlte Temperatur unter 1 Kelvin und die nüchterne Wahrheit des weißen Unglücks wird allumfassend.
Ausgangspunkt dieser schönen Unnötigkeit ist kein kosmisches Ereignis, kein geografischer Punkt auf einer Karte. Ausgangspunkt dieser hässlichen Notwendigkeit ist die fleischgewordene Mitleidlosigkeit: das menschliche Herz.
Die alte Frau wird aus ihrem täglichen Mittagsschlaf gerissen, als der Frost ihre Hauswand hinaufkriecht und die Fenster zum bersten bringt. Kein Schläfchen mehr in gewohnt geborgen-warmer Umgebung.
Der Gourmet verlernt das Schmecken, als sein Mahl zu gefrorenem Glas wird und ihm die Zunge im Mund zerspringt. Kein geschmacklicher Hochgenuss mehr mit der einst so kulinarisch fein gegliederten Zunge.
Unterhaltungen verpuffen in der frostigen Luft, Worte erfrieren, fallen zu Boden und klirren sinnlos auf vereisten Beton. Keine angeregten Diskussionen mehr im Kreise ausgewählter Gesellschaft.
Das Picknick im frühlingsschwangeren Wald hält für immer inne, als sich die gierige Winterkälte über den saftigen Waldboden frisst und die Decke zu einer Platte aus Kälte gefrieren lässt. Kein sinnliches Beisammensein mehr mit herzhaft gefülltem Korb.
Wenn die Welt erstarrt, erlischt die Seele im Weiß der Einsamkeit.

Mittwoch, 5. November 2008

Das Schreiben - Als Monster...

...wohl behütet.

Am Rande des Daseins einer anderen Existenz funktionierte einst ein Monster. Wohl behütet hinter einer Tür - gut geölte Angeln, fein gefertigtes Schloss - fristete dieses Monster sein Bestehen in der beklemmenden Einsamkeit eines Zimmers, welches Leben heißt. Sein eigenes Leben.
Eine Klinke hat die Tür nur an einer Seite, geöffnet werden kann sie nur von außen. Im inneren entfaltete sich die eigene Welt des Monster nur mäßig: die träge Schwüle und Dichte der eigenen Gedanken ließen das Zimmer zu einer Sauna des Gehirns werden. Hier wurde alles ausgeschwitzt und gehortet was der Kopf hergab. Leider wird aus solch einer Sauna leicht ein Kochtopf, dessen Deckel eine einseitig benutzbare Tür ist. Allzu schnell fand sich das Monster zwischen Zwiebeln und Kartoffeln wieder, brodelnd im eigenen Saft. Eine Dampffontäne schießt in diesem Moment jedem entgegen, der die Tür unvorsichtig öffnet. Jedem der sich nicht genug Zeit nimmt, die heiße Wolke der Gedanken abzuwarten. Jedem, der die Tür zu flüchtig öffnet.
Zur Notwendigkeit genötigt. So fühlte sich dieses eine Monster. Da es die Tür nicht selbst benutzen konnte, musste es darauf warten, bis jemand anders es tat. Das passierte nicht oft. Und wenn doch jener eine, seltene, unglaubwürdige Fall eintritt, dann geht man hinein und schließt die Tür sorgfältig hinter sich, dass sie stramm in den Angeln sitzt. Selbstbestimmung ist fehl am Platze. Lasst es nicht hinaus, denn es ist ein Monster.
Monster gibt’s, die gibt’s gar nicht. Wahlspruch aller die sich ein Monster halten. Wohl behütet in einem Zimmer, mit nur einer Tür – versteht sich. Was dieses Zimmer mit dem Monster zum Verkaufsschlager machte ist die Löschfunktion. Halten, warten Sie, laufen Sie nicht weg. Wer wird denn schon sein hauseigenes Monster tilgen wollen? Jedoch, lässt sich alles rund um das Monster herum entfernen; fleckenlos. Damit auch niemand mitbekommt, dass es existiert.
Verwahrlosung ist ein Wort, welches dem Monster nicht fremd war. Man redet hier nicht von körperlicher Vernachlässigung – Körperlichkeiten gab es ohnehin nie viele -, nein, die Psyche des Monsters ist hier im Gespräch. Die Zeitspanne des Desinteresses am eigenen Monster reicht von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen. Beschwerden werden mit eiserner Hand abgeschmettert. Es gibt nun mal wichtigere Dinge, als ein Monster, dass in einem Zimmer wohnt, welches nur eine einseitig benutzbare Tür besitzt.
Gehen konnte das Monster bis heute nicht. Zu starke emotionale Ketten fesseln es an das Zimmer, in dem so viele Erinnerungen, Gedanken und Materie einer Beziehung – die keine ist – umherschwirren. Weggeschickt wurde es ebenso wenig. Ist es doch allzu nützlich.
Wieso also gehen? Lebt es doch als Monster wohl behütet in seinem Zimmer.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Das Schreiben - Ich kannte mal jemanden...

...und sein Name war Pierre. Dieser Pierre war Fernfahrer und als einziger nicht funktioneller Analphabet in seiner Zunft als Außenseiter verschrien. Pierre war (und ich hoffe doch er ist!) ein belesener Mann, er liebte die Literatur in all seinen Formen, so facettenreich wie sie war.
Ich erlebte Pierre in einem schlechten Jahr (einem Jahr in dem die Parkplätze sonderbar leer erschienen); er schien mir aufgebracht. Schon lange betrieben wir Korrespondenz und auf meine Frage hin, was denn den Diesel in ihm zum Kochen brachte, schrieb er mir:

"Es gibt Menschen (einig ist man sich der Menschlichkeit jener Individuen nicht, aber wir nennen sie in diesem Zusammenhang so) die haben zwei Beine, mit Beschriftungen: Weihnachten, Ostern und zwischen den Feiertagen. Bei genauerer Betrachtung erkennt man zwei weitere Extremitäten, die Arme: asymmetrisch verziert mit horizontalen Narben; mal alt, mal frisch (hier kommt ein Faktor ins Spiel, den man in Fachkreisen den „Aufmerksamkeitsmeter“ nennt). Befestigt sind diese Gliedmaßen an einem Torso, geformt wie die Berge: grob, plump und gefangen in der Schwerkraft. Zugegebenermaßen müssen wir jenen Menschen auch einen Kopf eingestehen: dieser ist meistens behaart und hohl.
In solchen Personifizierungen schlechten Karmas keimt irgendwo in ihrer Gebärmutter des Sprachverständnisses ein Fötus, der sich in umständlichen Bahnen seinen Weg nach außen frisst: die Lyrik. Lyrik: ein stilvolles Mittel eine Nachricht, einen bestimmten Sachverhalt, einen Kontext, an den Mann zu bringen. Lyrik: leider auch das bevorzugte Medium vernarbter Charaktere ihre Emotionen in einem losen Text darzustellen.
Ein milder Versuch den eigenen „Aufmerksamkeitsmeter“ auf ein neues Level zu erheben. Wir erkennen diesen Menschen Willen an. Mut. Die Eigenschaft sich auf einen Kampf einzulassen. Wahrscheinlich sogar etwas Blutdurst. Trotzdem bleibt es nicht mehr als der Ansatz einer Konfrontation mit der eigenen Eloquenz: ich bin unfähig mich zu artikulieren, schreit der Geist, lass mich schlafen, posaunt er in das Ohr, nutzlos bin ich!
Tod und Verderben rufen sie alle. Liebe und Hoffnung intonieren sie. Krasse Kontrapunkte im Bass der Logik. Der Unwille sich zu entscheiden, das Balgen um die Aufmerksamkeit unbekannter treiben uns (euch!) in einen sich ständig reproduzierenden Zyklus der digitalen Manifestation von Gedankengut."

So schrieb Pierre.


Donnerstag, 25. September 2008

Das Schreiben - Oh...

...was haben wir denn hier?

Langsam und leidenschaftlich dringt er in mich ein, ein erregter Geliebter der gefühlvoll penetriert. Wunderbar kalt, eine Brise im heißen Sommer. Er weckt mich auf, mein Liebhaber, mit unbändigen, pulsierenden Küssen; allgegenwärtig, allumfassend, lässt alles andere vergessen. Er füllt mich aus, wie niemand, wie einer; perfekt beherrschtes Handwerk, gemacht zum Zwecke. Wunderbar, ich lebe; fühlen lässt er mich. Zieht mich heraus, aus dem wirbelden Nichts meines Seins, der schwarzen Grotte meines Geistes in der es so unsinnig vor sich hin tropft - lässt mich fallen: kämpfend, strampelnd, schreiend. Nur allzu schnell bin ich wieder dort, ohne ihn. Wenn ich will, ist er da. Ich hole ihn mir. Wehren kann nur ich mich; wehren will nur ich mich nicht. Einmal am Tag dringt er in mich ein, einmal am Tag brauche ich ihn: hart, kalt, gnadenlos. Einmal am Tag fühle ich mich warhaftig; er pulsiert in mir: lebendig und eigensinnig definiert. Es tropft, wenn er kommt, an mir herunter, mein Saft. Fern kann ich ihn nicht halten. Nicht lange und ein zweites mal muss er kommen, am Tag. Nicht lange und ein drittes mal muss er kommen, in der Stunde. Nicht lange und sein Kuss wird dauerthaft. Nicht lange und seine Art, beendet; mich.
Wunderbar, ich lebe.
Wunderbar, ich bin töricht.


Sonntag, 7. September 2008

Das Leben - Kennt ihr schon...

... diese Leute? Ja, genau diese Leute. Ich zeige mit dem Finger auf sie - und damit vielleicht sogar auf dich?
Diese Leute, wieso rasieren sie sich nicht, wenn sie doch sowieso schon so unhygienisch sind? Diese Leute mit ihren fettigen und kaputten, langen Haaren, wieso waschen sie ihr Haar nicht? Wieso schneiden sie es nicht?
Was fällt diesen Leuten ein?
Wie sie in der Schule oder auf der Arbeit vor, neben und einem gegenüber sitzen.
Was fällt ihnen ein?
Wenn sie etwas anfassen, mit ihrem glubschigen Fingern, wie sie mich anekeln! Wie grob sie den ganzen Tag mit ihren Pfoten gestikulieren! Wie wild! Wie ungeschlacht!
Wie sie dort sitzen - vor dir, neben dir, oder sogar Aug' in Aug' mit dir - mit den Innenseiten der Ärmel ihrer Jacken und Pullovern. Mein Gott, wie sie mich anekeln - ich könnte den ganzen Tag über sie diskutieren.
Was fällt ihnen ein?
Was fällt dir ein?


Dienstag, 19. August 2008

Das Leben - Heute...

... in der Schule habe ich ein Gedicht gelesen. Nicht alles in diesem Gedicht hat Relevanz, ich denke das weißt du; und das siehst du. Hier, für dich.

Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich Müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?

(Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.)

(Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder ist ein Duft ohne Rest.)
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren.
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

(geschrieben von Rainer Maria Rilke)